Gregorianik & musikalisches Erbe
Die Gregorianik ist eine der ältesten Formen liturgischer Musik. Sie wurde über Jahrhunderte weitergegeben und prägt bis heute das spirituelle und musikalische Erbe der Kirche. Unter Karl dem Großen fand sie eine einheitliche Verbreitung in ganz Europa und wurde zum offiziellen Gesang der Liturgie.
Der Gregorianische Choral ist mehr als nur Musik – er ist Ausdruck von Gebet, Hingabe und geistlicher Einheit. Diese Tradition wird auch in Pfaffen-Schwabenheim fortgeführt: Beim Gregorianik-Workshop 2010 erklang erstmals das Pfaffen-Schwabenheimer Halleluja, eine Neuschöpfung auf Grundlage alter Neumen-Schriften.
❖ ❖ ❖
Die karolingische Renaissance und die Gregorianik
Beginnen wir mit einer Rückblende in das Jahr 800 und wagen wir einen Blick in die Peterskirche zu Rom, wo gerade der Weihnachtsgottesdienst gefeiert wird. Ein hoher Gast nimmt daran teil: Karl der Große, der König der Franken. Er war zur Schlichtung eines Streites in die Ewige Stadt gekommen und wollte nun hier die Festtage verbringen. Andächtig, so berichtet ein Hofschreiber, kniet er vor dem Altar, als ihm Papst Leo III. völlig unerwartet von hinten die römische Kaiserkrone auf den Kopf setzt. Dann wirft der Papst sich auf die Knie und salbt dem neuen Kaiser die Füße. Die Geistlichen stimmen die Krönungslitanei an, und die anwesenden römischen Bürger reagieren auf dieses Schauspiel mit heftigem Applaus. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war geboren.
Karls Machtbereich erstreckte sich über weite Teile Europas. Das Kerngebiet seines Riesenreichs umfasste die Länder, die rund 1150 Jahre später die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gründen sollten: Italien, Frankreich, Deutschland und die Benelux-Staaten.
Es beginnt die karolingische Renaissance. Sie ist von überragender Bedeutung, denn durch sie wird das Frankenreich zum Bindeglied zwischen der Antike und dem mittelalterlichen Europa nördlich der Alpen. Alle kulturellen Bemühungen werden fortan maßgeblich beeinflusst von den Gedanken antiker Gelehrter, von der römischen Architektur der vorchristlichen Zeit und von den religiösen Vorstellungen aus Rom und Konstantinopel. Alles, was die moderne Welt von heute über die Antike weiß, war als kulturelles Erbe durch die „karolingische Renaissance“ vor dem endgültigen Verlust gerettet worden, und die lateinische Sprache ermöglichte nun das Eintauchen in dieses Kulturgut.
Karl sah sich auch als Stellvertreter Gottes. Sein ganzes Bestreben galt der Einheit von Staat und Kirche. Eine einheitliche Liturgie mit einem einheitlichen Gesang sollte es geben, und dieser sollte natürlich in Rom seine Wurzeln haben. Träger dieser neuen Gesangskultur waren die Bischofssitze und großen Abteien. Der gregorianische Choral, der als reiner, einstimmiger Gesang die Gebete der Kirche begleitete, wurde unter Karl dem Großen im gesamten Frankenreich verbindlich eingeführt. Dabei spielte auch die Schola Cantorum in Rom eine zentrale Rolle, die den päpstlichen Gesang bewahrte und weitergab.
Auch Kirche und Schule bildeten eine Einheit. Im Mittelpunkt des Schullebens stand der Gottesdienst, und der Tagesablauf der Kinder war durch Gottesdienste und Gebetszeiten gegliedert. Die Hauptaufgabe hieß, für Gott zu leben und Gott in Gesängen zu loben. Der gregorianische Gesang war nicht nur liturgisches Element, sondern auch ein zentrales Bildungsinstrument, das die geistlichen Schulen Karls des Großen prägte. Um das umfangreiche und gesangstechnisch sehr schwierige Repertoire in lateinischer Sprache zu erlernen, war eine langwierige Gesangsausbildung nötig.
Durch Karls Reformen wurde der Gregorianische Choral zum einheitlichen liturgischen Gesang in seinem Reich. Er schuf damit die Grundlage für eine musikalische Tradition, die sich über Jahrhunderte hinweg bewahrte und bis heute in der Liturgie gepflegt wird – ein Erbe, das in der Chorale Augustiniense weiterlebt.
Halleluja
❖
Das Pfaffen-Schwabenheimer Halleluja
Zum ersten Mal erklang bei dem Gregorianik Workshop am 24. April 2010 ein Halleluja, das bisher nur als Neumen – Schrift vorlag und nun neu von Christoph Nikolaus Schröder komponiert wurde. Dieses siebenmalige Halleluja wird nun als „Pfaffen-Schwabenheimer Halleluja“ in die Geschichte der Gregorianik eingehen. Christoph Nikolaus Schröder hat seine Komposition dem Chorale Augustiniense gewidmet.

Die abgebildeten Neumen beschreiben die melodische Gestaltung des gregorianischen Gesanges des Hallelujas, wie sie ab dem 9. Jahrhundert üblich war. Die Neumen wurden von Christoph Nikolaus Schröder interpretiert und wie folgt neu komponiert:

Das gesamte Alleluja mit den Psalmen 95 (96) und 145 (146) finden Sie hier als PDF-Datei.